TOUR DE FRANCE - Die Eurovespa 2001

(oder: "wegen der guten Organisation!")

 

Nach langen Wochen der Vorbereitung (und Vorfreude) sollte unsere Fahrt nach Frankreich am 18.06.2001 irgendwann am Vormittag starten. Die Roller warteten beladen mit allem, was man so für drei Wochen braucht, im Hof. Wir warteten auf Christian. Und warteten. Machten uns ein Fertiggericht in der Mikrowelle warm (es war mittlerweile fast Mittag). Und warteten. Endlich das ersehnte Knattern von Schorsch. Es konnte losgehen. 

Unsere erste Etappe führte uns durch Holland nach Belgien. Alles noch ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Auf der belgischen Autobahn wurden wir dann ziemlich unsanft mit den "Fahrkünsten" der belgischen Autofahrer konfrontiert - und ich dachte immer, die Holländer könnten nicht Auto fahren! Abends wollten wir uns in der Nähe von Antwerpen einen Campingplatz suchen, wobei mir langsam klar wurde, daß ich das Französisch-Lernen vielleicht doch etwas ernster hätte nehmen sollen. Nach einer "Hände-und-Füße-Verständigung" mit einer jungen Einheimischen gelang es uns schließlich, in der Nähe der Autobahn einen Campingplatz zu finden, an dessen Rezeption wunderbarerweise ein Dame saß, mit der wir uns auf Englisch ganz gut unterhalten konnten. 

  Also Anmeldeformular ausfüllen, Zelte aufbauen, tanken, Umgebung erkunden. Auch die kulinarischen Genüsse Belgiens ließen wir uns nicht entgehen und suchten ein landestypisches Feinschmecker-Restaurant auf, das man bei uns unter dem Namen "Pommes-Bude" kennt. Die Empfehlung des Hauses "Pommes mit Dosengoulasch" war gar nicht so schlecht (wenn man Hunger hat...) Relativ gut ausgeruht starteten wir am nächsten Morgen zur zweiten Etappe, die uns schon nach Frankreich führen sollte. Dank meiner Fähigkeiten im Kartenlesen landeten wir jedoch erst mal mitten in Brüssel, wo das Verkehrschaos schon sehr beängstigend war.

 Gegen Mittag passierten wir die französisch-belgische Grenze. Erste Amtshandlung: Foto machen. Zweite Amtshandlung: Geldautomat suchen. In meinem Portomonaie tummelten sich jetzt schon Münzen in vier verschiedenen Währungen... 

Unsere Reiseroute führte uns durch die Champagne, die landschaftlich wirklich wunderschön ist. Auch der Campingplatz, den wir diesmal dank Markus´ Neuerwerbung, dem Michelin Campingplatzführer, sofort gefunden haben, war sehr ansprechend. Saubere Toilettengebäude und Duschen (was, wie sich später noch rausstellen sollte, durchaus nicht selbverständlich ist...) und direkt am See gelegen. Leider waren wir noch außerhalb der Hauptsaison da, was die Möglichkeiten der Abendunterhaltung sehr einschränkte. Eine Pommesbude hatte noch geöffnet (hier bekam ich zum ersten Mal in meinem Leben Pommes mit Senf serviert). Nach diesem reichhaltigen Abendessen machten wir uns auf den Weg in die nächstgelegene Ortschaft Chamoille, wo wir unter Einheimischen in einer Mischung aus Kneipe und Wettbüro noch einige Feierabendbierchen zu uns nahmen, was zur Folge hatte, daß wir auf dem Rückweg zu unserem Zelt lieber auf die Abkürzung (über bzw. unter dem 2m hohen Zaun her) verzichteten.

Da wir uns für zwei Übernachtungen angemeldet hatten, konnten wir ausschlafen, in Ruhe duschen und danach eine Besichtigungstour starten. Nach ca. vier Stunden Betrachten und Fotografieren der von Franzosen in den letzten Jahrhunderten zu irgendwelchen Schlössern, Türmen und Kathedralen angehäuften alten Steine konnte ich die Begeisterung der beiden Männer nicht mehr teilen und wollte endlich in einen Supermarkt, um die Versorgung mit Lebensmitteln für den Abend (Bier) sicherzustellen. Auf dem Weg dorthin begegneten wir dem ersten Vespa-Roller in ganz Frankreich: einer supergepflegten schwarzen Cosa, deren Besitzer uns freudestrahlend an einer Ampel mitteilte: „ Die hat sechs Jahre, ich hab sechzig Jahre“, woraus wir schließen konnten, daß es sich um einen der wenigen deutschsprechenden Franzosen handeln müsse. Auf Markus´ Frage, ob er auch die Eurovespa besuchen wolle, bekamen wir dann jedoch zur Antwort „Ja, 200 Kubik!“             

Nun war uns der Gesprächsstoff wohl endgültig ausgegangen und wir fuhren zurück zum Campingplatz, wo wir uns bei 31° C (um 18Uhr abends) am Strand die Sonne auf unsere bleichen Leiber schienen ließen, während Christian noch mit Schorsch ein wenig herumfuhr, um Fotos zu machen. Abends „kochten“ wir dann selbst, weil wir nicht schon wieder auf das reichhaltige Angebot an belgischen Spezialitäten mit Senf zurückgreifen wollten. 

Trotz Brummschädel hieß es am nächsten Morgen früh aufstehen, da wir noch eine ganze Strecke zurückzulegen hatten bis Nevers, wo die Eurovespa stattfinden sollte. Die Landschaft blieb unverändert wunderschön, das Wetter auch. Gegen Mittag trafen wir, schon total durchgeschwitzt, auf andere Teilnehmer der Eurovespa, Belgier, die mit einem Motorschaden liegengeblieben waren. Nach einer kurzen Unterhaltung setzten wir unsere Fahrt fort - schließlich wollten wir uns auf dem Campingplatz die besten Plätze sichern (...was sind eigentlich die besten Plätze?)

Nach einigen Kilometern mussten wir feststellen, dass wir offensichtlich nicht die einzigen mit der Idee waren, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der Eurovespa anzureisen. Je näher wir Nevers kamen, desto häufiger begegneten wir Vespa-Fahrern aller möglichen Nationalitäten. Dank der relativ guten Ausschilderung fanden wir sowohl das Veranstaltungsgelände als auch den Campingplatz recht schnell. Dort gab es dann allerdings die ersten Probleme. Unsere Vorauszahlung war angeblich nicht eingetroffen. Glücklicherweise hatte ich den Beleg dabei, was allerdings erst mal auch nicht viel nützte, da es offensichtlich für einen Franzosen eine unzumutbare Belastung darstellt, einen deutschen Bankbeleg zu entziffern und dann auch noch ausrechnen zu müssen, ob 300 FF wohl der richtige Betrag für drei Personen für vier Tage Campen ist. Allen Widrigkeiten zum Trotz durften wir schließlich doch noch unsere Zelte irgendwo zwischen die schon vorhandene Ansammlung von ohne erkennbares System aufgebauten Zelten stellen.

Hatte ich zunächst gedacht, in Markus´ Campingführer sei dieser Campingplatz nur versehentlich vergessen worden, so wurde mir spätestens bei der Besichtigung der Toilettengebäude (von uns später nur noch „sanierungsbedürftige Einrichtungen“ genannt) klar, daß es sich hierbei um Wunschdenken gehandelt haben musste – der Campingführer hätte sonst um die Kathegorie „drei Totenköpfe“ erweitert werden müssen. Bevor uns die Stimmung endgültig in den Keller rutschen konnte, haben wir uns erst mal ein Bier genehmigt und die üblichen Unterhaltungen mit den bereits vor uns Angekommenen begonnen. 

Da die Anmeldung auf dem Veranstaltungsgelände am Freitag erst gegen 14 Uhr beginnen sollte, haben wir den Vormittag für die Besichtigung der näheren Umgebung genutzt, endlich war auch mal ein Einkaufsbummel für mich drin, was meine Laune erheblich steigerte. Die gute Laune dauerte genau bis 14.30 Uhr. Da hatten wir es nämlich geschafft, nach längerem Anstehen in glühender Hitze durch ein mittelschweres Chaos bis zu den Anmeldepavillons vorzudringen. Hatten wir zunächst gedacht, nur weil über einem Pavillon die Deutsche Flagge gehisst worden war, würde hier auch irgendjemand der Deutschen Sprache mächtig sein, so hatten wir uns schwer getäuscht. Lediglich die Unterlagen der deutschen Teilnehmer (550, wie uns stolz verkündet wurde) wurden hier verwaltet. Leider offensichtlich nicht allzu sorgfältig, denn wieder einmal war unsere Vorauszahlung auf wunderbare Weise nicht auffindbar. Also noch mal Bankbeleg vorgekramt. Nach einigem Hin- und Her und der übersetzenden Hilfe einer anwesenden französischsprechenden deutschen Studentin war es schließlich sogar den Franzosen begreiflich zu machen, warum es in Deutschland üblich ist, dass der clubeigene Kassenwart die Überweisung tätigt und auch unterschreibt, obwohl er gar nicht mitfährt und somit auch gar nicht auf der Teilnehmerlist erscheinen kann. Endlich durften wir unsere Begrüßungsgeschenk (ein paar Aufkleber, ein Lolly, eine Nylontasche und ein Schlüsselanhänger aus Gummi mit dem Eurovespa-Logo) in Empfang nehmen und den Rückzug zum Campingplatz antreten.

    Dort angekommen, schmissen wir den Grill an, denn außer total überteuerten Baguettes und matschigen Pommes gab´s hier nämlich nichts Essbares, dafür flüssige Nahrung in Hülle und Fülle. Beim Abendessen erwartet uns dann eine freudige Überraschung: Heiko von den Wattwürmern war da, mit seinem Kumpel war er an einem Tag von der Nordsee bis Paris gefahren. Unsere gute Laune kehrte langsam zurück, bis spät in die Nacht wurde auf dem ganzen Platz getrunken und gefeiert... Zwischendurch besuchten wir kurz die eigentlich für uns angesetzte Abendveranstaltung, die sich aber rasch als eine Art Volksfest für Ortsansässige entpuppte: kleine Kinder, Omas, Opas, Tanten, Onkels, Hunde, alles tummelte sich auf der Tanzfläche – nur keine Rollerfahrer, was vermutlich nicht unwesentlich mit der Gesangsdarbietung der Musiktruppe zusammenhing: Chanson d´amour in allen seinen schrecklichen Variationen.  

Am Samstag war die Ausfahrt nach Magny-Cours geplant, die Markus wegen Kopfschmerzen (selbst schuld) und Christian wegen gerissenem Kupplungszug eigentlich nicht mitmachen wollten. Nachdem ich dann alleine losgedüst bin und sich alle anderen auf dem Campingplatz auch startklar machten, überlegten sie es sich doch noch anders, was für Markus bedeutete: Kupplungszug wechseln in 2 Minuten und Aspirin schlucken. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt schon inmitten von 2500 Vespa-Rollern auf dem Weg zur Rennstrecke. Die Fahrt ging durch Wiesen und Wälder, alle 500 Meter lag ein betagter Roller am Straßenrand, dessen Besitzer versuchten, ihr Gefährt innerhalb kürzester Zeit notdürftig wieder zum Laufen zu bringen, um weiterfahren zu können. Dann die Rennstrecke – Ein Erlebnis, 2500 Zweitaktmotoren dröhnten dort, wo sonst Rennwagen ihre Runden drehen.

 Auf dem Parkplatz traf ich nach meiner Rennstrecken-Umrundung auch Christian und Markus endlich wieder. Gemeinsam stellten wir uns bei knapp 40° Mittagshitze an der Ladefläche eines LKW an, wo zwei Franzosen mit der Aufgabe, Essen und Getränke an alle Teilnehmer auszugeben, hoffnungslos überfordert waren. Nach einer halben Stunde Wartezeit hielten wir schließlich unser groß angekündigtes Mittagsmahl in Händen: das unvermeidliche Baguette und wahlweise Cola oder Wasser. Markus und ich setzten uns ab, wir hatten keine Lust, im Pulk nach Nevers zurückzufahren, lieber gingen wir ein Eis essen.

Abends sollte dann der Ball stattfinden -  große Lust, hinzugehen, hatte mittlerweile niemand mehr. Aber wofür dann den Abend-Fummel mitgeschleppt??? Also Minikleid an und ab auf den Roller, sehr zur Freude aller am Straßenrand stehenden Franzosen, die uns sehr freundlich zuwinkten. Der „Ballsaal“ führte zu schneller Ernüchterung, hatten wir doch noch die Hoffnung gehabt, eine Veranstaltung, zu der Abendkleidung ausdrücklich erwünscht ist, würde evtl. mit etwas Stil ablaufen - es handelte sich nämlich um eine große Lagerhalle oder ähnliches. Das Abendessen erwies sich dann als noch größerer Reinfall: Sülze mit Gürkchen, danach halbrohe Hühnerbeine mit matschiger bratkartoffelähnlicher Beilage, das Ganze direkt vor dem Servieren aus Styroporschalen gezogen, alles in Allem nicht gerade ein Aushängeschild für die französische Küche. Die Nachspeise haben wir uns nicht mehr angetan, da uns die dargebotene Samba-Tanzvorstellung ziemlich auf die Nerven ging, zumal Sambatanzen nun wirklich nichts mit Vespa-Fahren zu tun hat – oder mit Frankreich. 

Auf dem Campingplatz machte ich uns im Dunkeln noch ein Fertiggericht warm, und wir beschlossen, am Sonntag abzureisen, obwohl wir doch bis Montag noch bezahlt hatten. Drei Tage ohne Duschen reichen eigentlich auch. Auf das Frühstück, in dessen Genuss wir schon am Vortag gekommen waren (Granulatkaffee, Baguette, Marmelade, alles in Ermangelung von Sitzgelegenheiten im Zelt auf dem Fußboden oder im Stehen einzunehmen), haben wir großzügig verzichtet. Zelt abbauen, alles verstauen, abfahren. Doch wohin mit der uns (und allen anderen angereisten Vespa-Clubs) am Samstag verliehenen Trophäe? Ein Porzellanteller, zu groß, um in einen Vespa-Topcase zu passen, als Mitbringsel für Rollerfahrer, die dieses Ding noch Tausende von Kilometern auf ihren Zweirädern bis nach Hause transportieren müssen, war vermutlich die „beste“ Idee der Veranstalter. Irgendwann war dieses Problem auch gelöst und wir konnten endlich den Campingplatz verlassen, nicht ohne vorher den Betreibern, die am Ausgang um Trinkgeld baten, mit einer eindeutigen Geste klarzumachen, was man von ihrem Service gehalten hatte. 

Uns erwartete eine bergige Strecke, wir fuhren recht langsam. Zu Recht, wie wir nach nur 90 zurückgelegten Kilometern feststellten mussten: Eine Rollerfahrerin, ebenfalls Teilnehmerin der Eurovespa, hatte einen Lieferwagen gerammt und sich überschlagen. Der Roller Totalschaden, die Fahrerin hatte, wie sich später herausstellte, Glück im Unglück gehabt, beide Handgelenke gebrochen, Hüftprellung. Es hätte viel schlimmer ausgehen können. 5 Kilometer weiter dann der nächste Unfall, ein Begleit-PKW hatte eine PX gerammt und den Fahrer über das Auto geschleudert, diesmal hatte nur der Roller etwas abbekommen. 

Für uns war sofort klar: wir fahren nicht mehr weiter. Drei Hotels direkt an der Unfallstelle. Ich ließ mir, Böses ahnend, erst mal die Zimmer zeigen und war positiv überrascht. Wir buchten gleich für zwei Übernachtungen. Abends gingen wir noch in der Stadt essen mit den Clubmitgliedern der Verunglückten, die sich im Nachbarhotel eingemietet hatten. Endlich gute französische Küche. Auch bei unserem Erkundungs-Rundgang am nächsten Tag fanden wir ausnahmsweise mal nichts Negatives. Leider gingen auch diese drei Tage vorbei und wir rüsteten uns für die Weiterfahrt. 

Ein Zwischenstop in Nancy, der durch einen gerissenen Schaltzug bei Schorsch erforderlich wurde, dann waren wir endlich wieder in Deutschland. In Trier fanden wir sofort ein gutes Hotel, direkt oben auf dem Berg mit Blick auf die Mosel.  Die Zimmer waren auch in Ordnung.

 Bei einer Moseltour gab mein Roller seinen Geist auf und ließ sich weder durch gutes Zureden noch durch Kupplungsreparatur, die wir netterweise in der ortsansässigen Vespa-Vertretung selbst vornehmen durften, zum Weiterfahren überreden.

 Der Koch unseres Hotels (ein ehemaliger Zweiradmechaniker) schlug zwar noch vor, den Auspuff mit Benzin zu übergießen und auf dem Grill auszubrennen, wir waren aber nicht von der Tauglichkeit dieses Vorschlages überzeugt, so daß Markus und Christian am Sonntagvormittag mit ihren Rollern gen Heimat fuhren, um abends mit Auto und Anhänger zurückzukommen. Montag ging es dann mit einem Abstecher zum Scooter-Center Köln auf der Autobahn zurück in die Grafschaft. Die restliche Urlaubswoche verbrachten wir mit der Reparatur meines Rollers (und weil wir grad so schön dabei waren, haben wir gleich noch zwei repariert...)

Autor: Marion Dobben

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